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Das Geheimnis des ehrbaren Kaufmanns

Was klingt wie der Titel eines historischen Kriminalromans, und zugegebenermaßen auch ein wenig reißerisch, soll als Einführung in ein interessantes Thema dienen, das heute aktueller ist, als jemals zuvor. Täglich scrollst du durch deine Social Media Timelines und kannst die neuesten Unternehmensskandale lesen, von Manipulation bei Abgastests, über die unterirdischen Produktionsbedingungen von Kleidung in Bangladesch, bis hin zu Korruption und Veruntreuung in Milliardenhöhe. Was in dieser Aufzählung fehlt, kann ich dir klar sagen: Der verantwortliche Umgang mit dem eigenen Unternehmen, den Menschen und der Umwelt. Der fehlt!

Und genau da kommt der Titel dieses Beitrags ins Spiel.

Was wäre denn, wenn man sich als Unternehmer ganz anders verhalten würde als die genannten Negativbeispiele, beispielsweise verantwortungsvoll und vorbildlich? Ein Vorbild dafür gibt es schon seit Jahrhunderten: Den ehrbaren Kaufmann.

Es gibt bestimmte Eigenschaften, die diesen ehrbar handelnden Kaufmann ausmachen. Entsprechende Listen findet man dazu überall im Netz. In diesem Beitrag will ich die aus meiner Sicht wichtigsten Eigenschaften aufzeigen und erklären, was sie in der heutigen Zeit bedeuten.

Der Kaufmann

Vorab aber ein kurzer Ausflug in das Handelsgesetzbuch (HGB). Dort wird uns erklärt, wer rein rechtlich betrachtet überhaupt Kaufmann ist:

Kaufmann im Sinne dieses Gesetzbuchs ist, wer ein Handelsgewerbe betreibt.” (§ 1 Absatz 1 HGB).

Ein Kaufmann betreibt also ein Handelsgewerbe. Soso… Handelsgewerbe. Natürlich. Jetzt sind wir klüger. Oder nicht? Googelt man das Wort Handelsgewerbe, kommt man jedenfalls ganz schnell auf die Idee, dass ein Handelsgewerbe nur mit An- und Verkauf von Waren zu tun hat. Das ist allerdings nicht die Definition eines Handelsgewerbes nach deutschem Recht. Aber was dann?

Das HGB hat aber (natürlich) auch hierauf eine Antwort:

Handelsgewerbe ist jeder Gewerbebetrieb, es sei denn, daß(!) das Unternehmen nach Art oder Umfang einen in kaufmännischer Weise eingerichteten Geschäftsbetrieb nicht erfordert.” (§ 1 Absatz 2 HGB).

Jetzt aber. Das ist doch eindeutig. Oder etwa nicht? Alle Gewerbebetriebe sind gemeint. Alle. Auch Handwerksbetriebe, andere Dienstleister, eben alle Unternehmen, die darauf ausgelegt sind, Geld zu verdienen. Und das Geld verdienen ist genau der Punkt, den auch das HGB schon in nahezu poetischer Weise mit einem „es sei denn“ einleitet. Halten wir es möglichst einfach, denn hier käme jetzt auch noch das Umsatzsteuergesetz dazu und das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

Kurz gesagt, ein Kaufmann nach dem HGB betreibt ein Handelsgewerbe, und das ist jedes Gewerbe, das in das Handelsregister eingetragen ist oder wird – egal ob freiwillig oder nicht. Punkt. So einfach kann es sein.

Nichtkaufmann ist stattdessen derjenige, dessen Gewerbe nicht im Handelsregister eingetragen werden muss und der dies auch nicht tut (Kleinunternehmer), oder wer kein Gewerbe betreibt, sondern aufgrund besonderer Qualifikationen Dienstleistungen höherer Art erbringt (Freiberufler).

Jetzt, wo wir geklärt haben, wer sich überhaupt nach deutschem Recht Kaufmann nennen darf, können wir einen Schritt weitergehen und gucken, welche Eigenschaften man denn nun von einem ehrbaren Kaufmann erwartet. Ich will einmal versuchen, die mir wichtigsten Eigenschaften zu erklären. Das ist nicht leicht, aber für einen Betriebswirt trotzdem deutlich einfacher, als über Gesetzestexte zu philosophieren.

Fangen wir also an:

1. Fähigkeit und Hingabe

Ein ehrbarer Kaufmann soll das Fachwissen seiner Branche besitzen, um seine Produkte oder Dienstleistungen fachlich korrekt und dem Verwendungszweck angemessen herstellen oder einkaufen, und somit in guter Qualität und zum Wohle des Kunden verkaufen zu können. Ein ehrbarer Kaufmann verkauft einem Kunden, was dieser benötigt, und berät ihn zu diesem Zweck aus eigenem Antrieb fachgerecht.

Darüber hinaus muss das notwendige kaufmännische Wissen vorhanden sein, um ein Handelsgeschäft wirtschaftlich betreiben zu können. Die Zahlen müssen stimmen, aber der Kaufmann muss auch die Fähigkeit besitzen, sie zu interpretieren und so Probleme und Möglichkeiten frühzeitig identifizieren können.

Kurz gesagt: Der ehrbare Kaufmann besitzt Fachwissen und setzt dieses selbständig sinnvoll ein.

2. Glaubwürdigkeit und Anstand

Unter Kaufleuten galt schon immer der Handschlag zur Besiegelung einer Absprache, oder eines Vertrags. Bis heute ist dies in unserer Rechtsprechung verankert, so gelten für Geschäfte von Kaufleuten andere Regelungen als für Privatpersonen. Insbesondere die erhöhte Sorgfaltspflicht, der Vertragsabschluss per Schweigen und die fehlende Schriftformerfordernis sind hier zu nennen.

Aber noch viel wichtiger als diese abweichenden Rechte und Pflichten des HGB-Kaufmanns, sind für den ehrbaren Kaufmann die etwas weicheren Faktoren. Unter dem Zeichen von Glaubwürdigkeit und Anstand lügt ein Kaufmann niemals über seine Produkte oder deren Herstellung, und verwendet keine irreführenden Bezeichnungen. Was ein ehrbarer Kaufmann zusagt, hält er auch ein.

Kurz gesagt: Der ehrbare Kaufmann hat sich so zu verhalten, dass man auf sein Wort jederzeit zählen kann.

3. Soziale Verantwortung

Wie man „soziale Verantwortung“ nun genau definieren soll, darüber kann man sich streiten. Sehr vereinfacht gesagt, geht es dabei darum, wie das Unternehmen sich gegenüber der Gesellschaft, der Umwelt und den eigenen Mitarbeitenden verhält und welche Verantwortung es trägt. In Deutschland gibt es für fast alles eine Norm. Für soziale Verantwortung existiert tatsächlich auch eine solche, die DIN ISO 26000. An dieser Norm kann man sich durchaus orientieren. Schauen wir sie uns einmal an.

Die DIN ISO 26000 definiert 7 Handlungsfelder für Unternehmen:

  • Unternehmensführung
  • Umwelt
  • Menschenrechte 
  • Arbeitspraktiken
  • Konsumentenanliegen
  • Einbindung & Entwicklung der Gemeinschaft
  • Faire Betriebs- & Geschäftspraktiken

In diesen Handlungsfeldern bewegt sich jeder Kaufmann aufgrund seiner Geschäftstätigkeit, manche in größerem, manche in geringerem Umfang. Der Kaufmann, insbesondere der ehrbare Kaufmann, muss nun also prüfen, inwieweit er sich in diesen Handlungsfeldern verantwortungsvoll verhält. Dazu wurden in der ISO 26000 die folgenden Prinzipien aufgestellt, nach denen die Handlungsfelder betrachtet werden können:

  1. Rechenschaftspflicht
  2. Transparenz
  3. ethisches Verhalten
  4. Achtung der Interessen der Stakeholder
  5. Achtung der Rechtsstaatlichkeit
  6. Achtung internationaler Verhaltensstandards
  7. Achtung der Menschenrechte

Ziel ist es nicht nur den Status Quo im eigenen Unternehmen zu erfassen, sondern diesen auch durch Prüfmechanismen nachhaltig aufrechtzuerhalten, oder zu verbessern, wo es notwendig ist.

Mit diesem Thema werde ich mich in der Zukunft noch einmal in einem eigenen Beitrag befassen. Belassen wir es vorerst dabei, dass die hier aufgeführten Punkte eine gute Übersicht über die Bedeutung sozialer Verantwortung geben, aber auch aufzeigen, dass es sich um ein komplexes Thema handelt, bei dem Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit in Einklang gebracht werden müssen. In Zweifelsfall hat aber die Menschlichkeit immer den Vorrang.

Eine gute Orientierungshilfe bietet auch die Broschüre des BMU zum Thema Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen.

Kurz gesagt: Der ehrbare Kaufmann handelt nach ethisch-moralischen Grundsätzen und übernimmt mit seinem Unternehmen soziale Verantwortung.

Fazit:

Aber halt, das Beste kommt natürlich am Schluss. Egal ob es die Fähigkeit und Hingabe, Glaubwürdigkeit und Anstand oder die soziale Verantwortung betrifft, eines ist dabei besonders wichtig: Der ehrbare Kaufmann tut all das nicht in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen, wie vielleicht aufgrund einer guten PR, sondern aus der Überzeugung heraus, Verantwortung für die Gesellschaft zu tragen und einen Teil seines unternehmerischen Ertrags dafür zur Verfügung stellen zu wollen.

Eine romantische Vorstellung ist das tatsächlich nicht. Immer mehr Menschen achten auf genau diese Faktoren, bei der Auswahl ihrer Geschäftspartner und deren Lieferketten, wollen wissen, wie das Unternehmen seine Mitarbeitenden behandelt, ob Umweltschutz ein Thema ist, und schauen kritisch darauf, mit wem man da eigentlich zusammenarbeitet. Auch Verbraucher haben heutzutage ein ganz anderes Bewusstsein dafür als noch vor 20, ja sogar vor 10 Jahren.

Wenn du also als Unternehmer selbst etwas für die Gesellschaft tun möchtest, dann handle nach diesen Prinzipien und verändere etwas. Stelle deine Waren unter vernünftigen Umständen her, berate deinen Kunden nach ihren Anforderungen, nicht nach dem größtmöglichen Umsatz, handle fair und nach geltendem Recht und vor allem: Wo immer du kannst, handle besser und verantwortungsvoller als man es von dir erwartet. Letztendlich wird dein Unternehmen an diesem Handeln gemessen.

Herzliche Grüße

Christian Günther

Christian Günther ist Beratender Betriebswirt und Wirtschaftsmediator. Als Berater für nachhaltiges Wirtschaften unterstützt er Unternehmer*innen dabei, ihr Unternehmen innovativ und krisenfest zu entwickeln.

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